Seltene Stücke im Besitz des Hahnemannzentrums

Von Siegfried Letzel

Das Leben und Wirken Samuel Hahnemanns: Hinter einem originalen Manuskript steckt eine spannende Geschichte. Diese war jahrelang verschollen und ist nun im Besitz des Internationalen Hahnemannzentrums.

Seltene Pferdeapotheke

Das Jahr 2020 hat für uns sensationell begonnen. Wir ersteigerten eine seltene homöopathische Pferdeapotheke mit Zubehör von 1915. Auch konnten wir zwei seltene Hahnemannsche Übersetzungen aus dem Englischen aus der Zeit vor Torgau ersteigern: Die „Chemisch Pharmaceutische Arzneimittellehre“ Monros von 1794 (Erster Band), und das „Neue Edinburgher Dispensatorium“ in der Auflage von 1798 (2. Teil).

Pferdeapotheke von 1915

Überraschenderweise bot uns eine Sammlerin homöopathischer Literatur ein Büchlein an, mit dem wir überhaupt nicht gerechnet haben, es jemals unserer Sammlung in Torgau hinzufügen zu können, da es quasi vom Antiquitätenmarkt für historische Bücher verschwunden war: es handelt sich um das erste ausführlichere Werk Hahnemanns, das er in Torgau verfasst hat.

Es ist das im Jahre 1805 erschienene „Aeskulap auf der Waagschale“. Dieses Büchlein ist insofern von herausragender Bedeutung, weil Hahnemann damit endgültig mit der herkömmlichen Medizin brach und auf eine grundlegende Reform der gesamten Arzneikunde drängt. In dieser Schrift übt er Kritik und gibt zahlreiche Beispiele für die Unzulänglichkeit der Medizin in jener Zeit. Seine eigene diesartige „ärztliche Kunst“ hatte ihn in Resignation getrieben. Keine der gängigen Kurarten hatte einschlägige Erfolge aufzuweisen und fast alle Heilungen identifizierte er als Selbstheilungen. Der in Wien bereits praktizierte therapeutische Nihilismus, bei dem auf medizinisches Abwarten und Nicht-Eingreifen gesetzt wurde, zeigte überraschende Erfolge. Und da Hahnemann das Ähnlichkeitsprinzip bei der Arzneimittelwahl bereits für sich entdeckt hatte, glaubte er nun den Schlüssel für eine neue (der Homöopathie) in der Hand zu halten.

Aber als schon sensationell müssen wir den Zugang eines von Dr. Hahnemann verfassten Manuskripts bezeichnen. Er hat zeitlebens seine Therapiemethode durch seine und die Erfahrungen anderer verfeinert und präzisiert. So kam es, dass von seinem Lehrbuch „Organon der Heilkunst“ sechs aktualisierte Auflagen erschienen. Dabei schrieb er seine Neuerungen an die Seitenränder des eigenen Exemplars der Bücher oder fügte Zettel zwischen den entsprechenden Seiten ein. Anders bei seiner sechsbändigen „Reinen Arzneimittellehre“ – hier gab es so viele Ergänzungen und Korrekturen, dass er die Bücher für die Neuauflagen ganz neu verfasste.

Die „Chemisch Pharmaceutische Arzneimittellehre“ von Donald Monro ist ebenfalls eines der neuen Stücke, die das Internationale Hahnemannzentrum nun in seiner Sammlung hat

Fehlende Manuskripte

Dr. Wilmar Schwabe aus Leipzig, der größte Hersteller homöopathischer Arzneien, erstand das Manuskript für die 2. Auflage des 6. Bands dieses großen Werkes Hahnemanns und ließ es zu einem Buch binden. Es befindet sich im Institut für Geschichte der Medizin der Robert-Bosch-Stiftung in Stuttgart. Jedoch fehlen die Manuskripte der letzten beiden Arzneien in diesem Band (die aber später im Druck vorhanden waren), das sind Wütherich und Zinn. Der Verbleib dieser Seiten ist unbekannt und sie gelten somit als verschollen.

Nun wurde uns ein Blatt des Manuskripts für Zinn anvertraut. Ich besuchte das Institut für Geschichte der Medizin und mit der Leiterin des Archivs konnte ich dieses Manuskriptblatt mit denen der Schwabe-Sammlung vergleichen. Papiergröße, Material, Schrift, Alter – alles passt. Aber unser Blatt wurde nie in das Buch der Schwabe-Sammlung eingebunden, es wurden keine Seiten herausgetrennt. Also waren die Manuskriptblätter vorher schon getrennt geworden. Unsere Recherche nach den verbleibenden anderen Blättern läuft bislang ins Leere, eine frühe Splittung der Sammlung wird immer wahrscheinlicher.

Nun hat das Internationale Hahnemann-Zentrum dieses einzige bekannte Blatt in Obhut und auch den Erstdruck von Hahnemanns Buch aus dem Jahre 1827, in dem der Text des Manuskripts Wort für Wort nachzulesen ist.

Diese Manuskriptseite war lange verschollen und ist nun im Besitz des Internationalen Hahnemannzentrums

1810 – der Beginn einer neuen Weltmedizin

Von Siegfried Letzel

Das klingt recht übertrieben, ist es allerdings nicht. Die Homöopathie breitete sich in recht kurzer Zeit über Deutschland, Frankreich, Europa, USA, Kanada, Brasilien, Indien aus und selbst in Hongkong gibt es heute eine sehr aktive Gruppe an Homöopathen. Homöopathie wurde wie selbstverständlich in Universitäten gelehrt und in großen Krankenhäusern praktiziert. Die Koexistenz mit der sogenannten Schulmedizin schwächte sich aber ab dem frühen 20. Jahrhundert zunehmend ab. Trotz inzwischen qualitativ hochwertiger positiver Studien in der Grundlagenforschung, in klinischen Untersuchungen und sogenannten Outcome-Studien wird die Homöopathie aus Richtung der hochkommerzialisierten konventionellen Medizin hart angegriffen. Goliath drängt David mit mehr und weniger fairen Mitteln in eine Nische, in der sie allerdings durch ihre sanfte Effektivität durchhält und von Therapeuten, Ärzten und Patienten sehr geschätzt wird.

Was aber hat es nun mit dem Jahre 1810 auf sich? Nun, die Forscherarbeit Dr. Samuel Hahnemanns während seiner Torgauer Zeit wird mit der Veröffentlichung des „Organon der rationellen Heilkunde“ gekrönt. Er fasst dieses Ereignis mit folgenden Worten zusammen:
„Ich rechne mirs zur Ehre, in neuern Zeiten der einzige gewesen zu seyn, welcher eine ernstliche, redliche Revision der Heilkunst angestellt und die Folgen seiner Überzeugung theils in namenlosen, theils in namentlichen Schriften dem Auge der Welt vorgelegt hat. Bei diesen Untersuchungen fand ich den Weg zur Wahrheit, den ich allein gehen mußte, sehr weit von der allgemeinen Heerstraße der ärztlichen Observanz abgelegen. Je weiter ich von Wahrheit zu Wahrheit vorschritt, desto mehr entfernten sich meine Sätze, deren keinen ich ohne Erfahrungsüberzeugung gelten ließ, von dem alten Gebäude, was, aus Meinungen zusammengesetzt, sich nur noch aus Meinungen erhielt… Die Resultate meiner Überzeugungen liegen in diesem Buche.“

Im ersten Teil dieses Werkes stellte er der herkömmlichen Heilbehandlung seine neu gefundenen Heilregeln gegenüber und belegte seine Lehren mit zahlreichen Beispielen. Vor allem kritisierte er die palliativen Behandlungsansätze der bisherigen Medizin (contraria contrariis curentur). Seine, von ihm als ‚echter Heilweg‘ beschriebene Wahrheit lautete: „Wähle, um sanft, schnell und dauerhaft zu heilen in jedem Krankheitsfalle eine Arznei, welche ein ähnliches Leiden vor sich erregen kann, als sie heilen soll (similia similibus curentur)! Diesen homöopathischen Heilweg lehrte bisher niemand.“ Zwar hatte Hippokrates lange zuvor geraten: „Durch Anwendung eben desselben, was die Krankheit hervorbringt, genest man auch wieder von der Krankheit.“ – was Hahnemann fairerweise auch zitierte – aber vor ihm hat niemand eine ‚Reine Arzneimittellehre‘ (Materia medica pura) erschaffen, die diese pathogenetischen Eigenschaften von Arzneisubstanzen beschreibt und sie nach diesem Prinzip anwendbar machte.

Um Hahnemanns Verdienst an dieser Erforschung einer ‚berechenbaren‘ Heilbehandlung Kranker korrekt zu würdigen möchte ich Dr. Richard Haehl, früherer Besitzer der meisten Hahnemannschen Handschriften, aus dessen Hahnemann-Biografie (1922) zitieren:
„Die Wahrheit einer zuverlässigen naturgemäßen Heilmethode war von Urbeginn der Schöpfung und der Menschheit an vorhanden; die Homöopathie ist ein untrennbarer Bestandteil der Schöpfung selbst. Diese Tatsache wurde schon im Altertum von hellen Geistern erkannt; sie ist, verschüttet unter den Trümmern der zusammengebrochenen griechischen Kultur, in die dunkelsten Ecken gefegt durch Roms kriegerische Weltmachtgelüste, völlig übersandet durch die sintflutlichen Sturzwellen der Völkerwanderung immer wieder bei diesem oder jenem erleuchteten Geiste zum Vorschein gekommen; sie hat also bis in die Zeit Hahnemanns selbst immer wieder einzelne Aufsehen erregende Heilerfolge gezeitigt; aber es waren und blieben immer nur Sonnenblicke durch den Jahrtausende alten Nebel der herkömmlichen Vorurteile und Lehrmeinungen, Einzelergebnisse ohne Zusammenhang und nähere Begründung, Augenblickseingebungen ohne ein auf Erfahrung gegründetes, wissenschaftliches Lehrgesetz. Hahnemann fand in seiner großen umfassenden Belesenheit da und dort zerstreut die Goldkörner; er schürfte weiter, rastlos, mit fast leidenschaftlicher Selbstverleugnung und Aufopferung, und so stieß er endlich auf die volle Goldader im festen Quarz. Und dann begann seine eigentliche Arbeit, sein Lebenswerk: die bergmännische Erfassung und der planmäßige Abbau. Er stellte feste Wege her, führte nach seinem wohlüberlegten Plane die ganze Neuanlage aus, sie immer wieder erweiternd und festlegend und im Innern ausbessernd; und er wurde so tatsächlich der Schöpfer und Vater einer neuen Heilkunst, der Heilkunst der Homöopathie: das ist und bleibt sein Verdienst und sein kulturgeschichtlicher Ruhm, der ihm von niemand mehr geraubt und geschmälert werden kann.“

Dr. Samuel Hahnemann war weder Heiliger, Prophet noch Superman. Aber er war ein brillanter Wissenschaftler, der souverän auf der Welle der Aufklärung surfte. Er veränderte unser Weltbild in vielen Facetten und hat damit bis auf den heutigen Tag Einfluss auf unser modernes Leben genommen. Er hat beträchtlich dazu beigetragen, die Grundsteine der neu entstehenden Wissenschaften in ihren Mauern zu verankern. Er, der Übersetzer, Chemiker, Pharmazeut, Arzneikundige und Arzt, hat sein Wissen zur Schaffung einer gesünderen Welt genutzt. Es ist an uns, ob wir seiner Heilkunst offen gegenüber stehen oder nicht. Ihm dürfte es ziemlich egal sein. Für uns kann seine wissenschaftliche Arbeit jedoch beträchtlich zu einer verbesserten Lebensqualität beitragen. Vergessen wir nicht: dieser Mann wurde 88 Jahre alt und betrieb bis kurz vor seinen Tod am 2. Juli 1843 eine überaus erfolgreiche Arztpraxis in Paris und er verbesserte und vervollständigte sein Organon der Heilkunst bis zu einer 6. Auflage, wofür er 1842 die letzten Worte schrieb – und selbst dabei deutet sich an, dass er noch nicht fertig war …

Hahnemann, der Ur-Homöopath

Von Siegfried Letzel

Während Dr. Samuel Hahnemanns Aufenthalt in Torgau begann eine neue Ära in seiner wissenschaftlichen Forschung: er wollte weg von einer Vermutungs- und Glaubensmedizin hin zu einer rationellen Medizin, die die ärztliche Behandlung voraussehbarer und verlässlicher machte. Hierbei betrat er völlig neue Pfade.

Vorbereitend dafür waren seine Arbeiten, die er bereits 1796 für seine Schrift „Versuch über ein neues Prinzip zur Auffindung der Heilkräfte der Arzneisubstanzen“ anstellte. Es war das Geburtsjahr der Homöopathie (dieser Begriff existierte zu diesem Zeitpunkt aber noch nicht!). Damals begann er „die Arzneien zu beobachten, wie sie auf den menschlichen Körper einwirken, wenn er sich auf dem ruhigen Wasserspiegel der Gesundheit befindet.“ Das bedeutete, er prüfte Arzneimittelwirkungen am Gesunden und notierte sich alle erkennbaren Veränderungen am Probanden. Hieraus entstand ein erster Grundsatz für die sich nun weiter entwickelnde neue Heilmethode: „Jedes wirksame Arzneimittel erregt im menschlichen Körper eine Art von eigner Krankheit, eine desto eigenthümlichere und heftigere Krankheit, je wirksamer die Arznei ist. MAN AHME DIE NATUR NACH, welche zuweilen eine chronische Krankheit durch eine andere hinzukommende heilt.“ Diese Beobachtung war nichts Neues. Schon oft hatte man neue Leiden ältere ‚überdecken‘ oder ‚auslöschen‘ sehen. Weiter: „Man wende in der zu heilenden Krankheit dasjenige Arzneimittel an, welches eine andre, möglichst ähnliche Kunstkrankheit (= Arzneimittelkrankheit) zu erregen imstande ist, und jene wird geheilt werden; Similia similibus.“ Dem wurde viel später noch das Wort curentur hinzugefügt. Dieses Ähnlichkeitsprinzip zwischen Krankheitssymptomen und solchen, die von Arzneien hervorgerufen werden, hatten Ärzte ebenfalls schon lange vor Hahnemann entdeckt. Dies erwähnt Hahnemann mit Beispielen auch in seinen Schriften. Selbst die hier beschriebene Arzneimittelprüfung am Gesunden wurde schon lange vor Hahnemann ausprobiert. Aber ihm gelang es als Erster, beides, zusammen noch mit der Arzneimittelpotenzierung, in ein geschlossenes medizinisches System zusammenzuführen und wesentlich weiter zu entwickeln. Dies ist die wahre wissenschaftliche Leistung Hahnemanns bei der Schaffung der Homöopathie.
1806 veröffentlichte Hahnemann seine in Torgau verfasste „Heilkunde der Erfahrung“. Hier brachte er wichtige Erfahrungssätze zusammen:

1. Wenn zwei ungleichartige, widernatürliche, allgemeine Reize zu gleicher Zeit auf den Körper wirken, so wird die Wirkung des schwächeren Reizes von der des stärkeren zeitweilig aufgehoben.
2. Wenn beide Reize große Ähnlichkeit miteinander haben, so wird die Wirkung des schwächeren von der analogen Kraft des stärkeren gänzlich ausgelöscht und vernichtet.
3. Um also heilen zu können, müssen wir lediglich eine in ihrer erregenden Wirkung zu den Krankheitssymptomen passende Arznei entgegen setzen.

In einer Torgauer Hauschronik steht: „1805 kaufte Dr. Samuel Hahnemann das auf der Pfarrgasse gelegene Wohnhaus mit Einfahrt, um seine homöopathischen Kuren an Kranken und Leidenden zu versuchen. Da man noch unbekannt mit dieser Kurmethode war, so erregte dies Aufsehen, daß die winzig kleinen Kügelchen mehr helfen sollten als ganze Löffel Medizin. Der Glaube that aber auch hier das Seinige; es wurde vielen geholfen, aber auch vielen nicht. Er bekam Feinde und Neider.“ Hahnemanns medizinischer Neubeginn war denkbar schwer umzusetzen. Vieles passte noch nicht.
Nun hatte er neues Heilgesetz entdeckt und es musste an Kranken erprobt, weiterentwickelt und auch noch gegen Anfechtungen verteidigt werden. Um sich ein präzises Bild der Krankheiten zu machen, befragte er seine Patienten und dessen Angehörige/Begleitpersonen eingehend. Dann wandte er seine Erfahrungssätze an und verschrieb nur ein einziges, individuell ausgesuchtes Arzneimittel. Dabei experimentierte er ständig mit der Optimierung der Dosierung.
In seiner Schrift ‚Was sind Gifte? Was sind Arzneien (1806) schreibt Hahnemann: „Unpassende Wahl, unrechte Form und übermäßige Menge machen Arzneien verderblich. Dadurch werden sie zu Giften. Die Unwissenheit tötet mit dem Übermaße am unrechten Ort während der behutsame Gebrauch der kraftvollsten Arzneien die gefahrvollsten, seltensten Krankheiten häufig rettet. Sapere aude (Habe den Mut zur Einsicht; wage es, weise zu sein)!“
1807 ist er schon bedeutend weiter und schließt einen Artikel mit folgenden Worten: „Wie wenig bedarf es jetzt noch um einzusehen, dass der einzige Weg Krankheiten leicht, schnell und dauerhaft zu heilen in der Erforschung des ganzen Inbegriffs der Symptome der Krankheit liegt und in der Aufsuchung des für jeden Fall passenden Mittels, welches am vollständigsten diesen Inbegriff der Symptome [am Gesunden] erregen kann?“ Dieses Mittel sollte bei der homöopathischen Anwendung nur in kleinsten Gaben verabreicht werden, da nicht ‚die volle krankmachende Kraft, sondern nur seine Tendenz dazu‘ benötigt wird.
Hahnemann: „Ich schätze mich glücklich, auf diesen rationellsten und volkommensten aller Heilwege zuerst aufmerksam gemacht zu haben.“

Unser Verein bietet noch einige Exemplare eines Nachdrucks (2010) von S. Hahnemanns ‚Heilkunde der Erfahrung‘ aus dem Jahre 1805 an.

Ab jetzt begann das Finetuning der homöopathischen Arzneitherapie, dem sich Dr. Hahnemann bis zu seinem Tode widmete …

Hahnemann, der junge Arzt

Von Siegfried Letzel

In diesem Teil unserer Artikelserie beginnen wir, Hahnemann in seiner ärztlichen Praxis zu begleiten.

Mit zwanzig Jahren beendete Hahnemann seine Schulbildung in Meißen mit der in Latein verfassten Arbeit „Über den wundervollen Bau der menschlichen Hand“. Er begann alsdann sein Medizinstudium in Leipzig. Dort wurde ihn allerdings keine praktische Heilkunde gelehrt, denn ein der Uni angeschlossenes Krankenhaus gab es nicht. Nur graue Theorie konnte er erlernen. Daher zog er schon bald nach Wien, um unter Dr. Quarin, dem Leibarzt der Kaiserin Maria Theresia und Kaiser Joseph II., auch die ärztliche Tätigkeit am Krankenbett zu studieren. Geldmangel machte es aber erforderlich, dass Hahnemann zu Baron von Brukenthal nach Hermannstadt in Siebenbürgen zog, um dort ab 1777 dessen ansehnliche Bibliothek und Münzsammlung zu ordnen – und gleichzeitig als Hausarzt zu arbeiten. 1779 kam Hahnemann nach Erlangen und schloss dort sein Medizinstudium mit dem Erwerb des Doktortitels ab.
Schon 1784 verfasste der junge Arzt seine erste größere medizinische Schrift, eine „Anleitung, alte Schäden und faule Geschwüre gründlich zu heilen“. Diese Leiden wurden damals wegen der ekelerregenden Wunden gewöhnlich nur indirekt von Ärzten behandelt. Sie wendeten Aderlässe, Schröpfen, Schwitzen an und applizierten Bleisalben und -pflaster als Hauptmittel an. Hahnemann kommentierte dieses Tun mit den Worten: „Das gewöhnliche Ende solcher Kurarten machen alte Weiber, der Scharfrichter, der Vieharzt, der Schäfer und der Tod. Viehärzte sind in der Heilung alter Wunden geschickter als oft der schulgerechteste Professor und Mitglied aller Akademien.“
Hahnemann entwickelte bereits schon jetzt sein selbstständiges Denken und ärztliches Handeln, wobei er immer noch auch althergebrachte Therapien anwendete. Aber er wurde sich seiner Arbeit immer unsicherer, da die Behandlungen seiner und anderer Kollegen den Patienten das Leid selten besserten, sondern leider eher verschlimmerten.
Um seine Therapien erfolgreicher zu gestalten, bediente er sich unterschiedlicher ‚Stellschrauben‘: „Bewegung ist nächst der Nahrung das nothwendigste Bedürfniss der thierischen Maschine, durch sie wird das Uhrwerk aufgezogen. Bewegung und gesunde Luft nur allein treibt jeden Saft unsres Körpers zu dem ihm bestimmten Ort, … verstärkt die Schläge des Herzens, bringt allein gehörige, gesunde Verdauung zuwege und ladet am besten zur Ruhe, zum Schlafe ein, der Zeit der Erquickung und Erschaffung neuer Lebensgeister.“ Hahnemann war Pionier in Sachen Diätetik. Dazu mehr in einem gesonderten Artikel.
Hahnemann sprach auch in kerniger, überzeugender Weise über den Einfluss der Lebensweise, der beruflichen Tätigkeit, der Tageseinteilung und der Wohnverhältnisse auf die Gesundheit. Obwohl es diesen Begriff noch gar nicht gab – Hahnemann war bereits Hygieniker!
Zurück zu den Geschwüren: Hahnemann verbannte Bleipflaster und -salben aus seiner Praxis. Er verband Wunden unter Anwendung von Alkohol zur Desinfizierung und sehr stark verdünntem Sublimatwasser, Höllenstein, Arsenikwasser und Perubalsam. Aber immer verwendete er nur EIN Mittel zu gegebener Zeit. Er ging auch chirurgisch vor, zum Beispiel durch Ausschaben der Wunde. Baldinger, Professor in Jena, Göttingen und Marburg schrieb: „Hahnemann hat seinen Gegenstand sehr gründlich und richtig abgehandelt. Er zeigt, wie verkehrt die bisherige, meist gewöhnliche Behandlung gewesen ist – und lehrt dafür eine bessere.“ Ähnlich positiv wurden noch weitere Schriften Hahnemanns bewertet.
Hahnemann machte sich früh einen Namen in der Ärzteschaft. Innovativ war sein Vorgehen bei sexuell übertragbaren Krankheiten, Typhus, Krätze und mehr.
Hahnemann hatte unter seinen Kollegen den Ruf, ein ‚umsichtsvoller, glücklicher Praktiker zu sein, dem viele ausgezeichnete Kuren gelangen.‘ Hufeland bezeichnete ihn als einen der vorzüglichsten Ärzte Deutschlands. Im Jahre 1791 erwählte ihn die Leipziger ökonomische Gesellschaft, dann die Kurfürstlich-Mainzische Akademie der Wissenschaften, später die physikalisch-medizinische Sozietät in Erlangen zu ihrem Mitglied.
Jedoch tat sich Hahnemann aus der Sicht seiner ärztlichen Kollegen zunehmend als Nestbeschmutzer hervor. Schon 1784 spricht er verächtlich von den ‚Modeärzten‘. 1786 eifert er in seinem Buch über Arsenik gegen den damaligen elenden Zustand der Arzneikunde, gegen die „Pfuscherärzte, der fruchtbarsten Quelle des Todes, welche unter anderem Arsenik in Substanz auf Geschwüre aufpulverten, dadurch oft den Tod der Kranken herbeiführten, und welche dieses Mittel in leicht tödlichen Gaben gegen Wechselfieber gäben“. 1790 tritt er kräftig gegen die damaligen Dozenten in Arzneikunde auf: „Die alten Arzneimittellehrer sind mit ihren Seichtheiten, Unbestimmtheiten, Weibermährchen und Unwahrheiten bis in die neueste Zeit nachgebetet worden. Wir müssen uns mit Gewalt von diesen vergötterten Gewährsmännern losreissen, wenn wir in einem der wichtigsten Theile der practischen Arzneikunst das Joch der Unwissenheit und des Aberglaubens losschütteln wollen. Nun ist es hohe Zeit.“
Um aus dem Gewirr von ‚Beobachtungen‘ und ‚Erfahrungen‘ die Wahrheit herauszufinden, vermied er das geschäftige Handeln am Krankenbette, wie es seine Zeitgenossen übten, und er trat seinen arzneimischenden Kollegen gegenüber schon recht feindlich auf. Hahnemann wurde zu einem enthusiastischen Reformator des medizinischen Systems seiner Zeit. Und damit begann eine völlig neue Ära seiner wissenschaftlichen Arbeit …

Ärztliche Konsultation im Sinne Hahnemanns – Kunststich 1910.

Hahnemann, der Psychiater

Von Siegfried Letzel

Dank Samuel Hahnemanns konnten wir in den vorangegangenen Artikeln zur Serie schon einiges über die Entwicklung moderner wissenschaftlicher Erkenntnisse im 18. und 19. Jahrhundert erfahren. Dr. Hahnemann als Chemiker, Pharmazeuten und Arzneikundigen haben wir bereits kennengelernt. Heute streifen wir einen Bereich seiner ärztlichen Tätigkeiten, den er zwar nur am Rande, jedoch geradezu revolutionär anders als seine zeitgenössischen Kollegen ausübte: die Psychiatrie.
Die Behandlung psychisch Erkrankter wurde im Jahre 1792 so beschrieben: „Die gewöhnlich im Zuchthaus untergebrachten Irrenhäuser sind im Allgemeinen so eingerichtet, dass diese Elenden nur ernährt und nur in einer solchen schauderhaften Verwahrung erhalten werden, dass sie sich und anderen kein Leid tun. Durch rohe und verkehrte Behandlung durch die Wärter werden sie nur noch wahnsinniger und unheilbarer.“ 1824 las man: „Am größten war der Skandal, wo die ‚Thiermenschen‘ übernachteten, die auf Strohsäcken lagen, wollene Decken und Zudecken hatten, wo das durch den Urin schon bald durchbeizte und verfaulte Stroh nur gelegentlich gewechselt wurde. Man denke sich den Gestank in diesem Saale.“ Die im Geiste Erkrankten waren üblicherweise in Ketten gelegt. Neben den Ketten regierte die Peitsche.

Ärzte begegneten widerspenstigen Kranken wie wilden Tieren, sie wollten bei ihnen Angst, Schrecken und Entsetzen erzeugen. Körperliche Züchtigungen, sogenannte Ekelkuren waren alltäglich. Tobsüchtige wurden beispielsweise auf ein horizontales Bett geschnallt, das mit großer Schnelligkeit um die senkrechte Achse gedreht wurde, oder sie wurden auf den ‚Drehstuhl‘ gesetzt. 1818 stand in der ‚Zeitschrift für psychische Ärzte‘: „Die Empfindung ist im höchsten Grade unangenehm und der Gesunde kann sie nicht über einige Minuten aushalten. Es entsteht Schwindel, Übelkeit, Erbrechen, Blutung in der Augenbindehaut. Die Maschine wirkt umso wohltätiger, je größer die Empfänglichkeit des Kranken, je unangenehmer und lästiger ihm die Anwendung ist!“
In einem Lehrbuch schreibt Westphal 1880: „Eine als gut eingerichtete Irrenanstalt erscheint in gewisser Beziehung einer Folterkammer nicht ganz unähnlich.“ So sah es zu jener Zeit auch in der ‚Irrenabteilung‘ der Berliner Charité aus. Dort wurden Manische auch in einen „geschlossenen Sack“ gesteckt und in diesem an Ort und Stelle liegen gelassen. „Geisteskranke wurden Sonntagsbesuchern von Hospitälern und Arbeitshäusern als eine Art Sport gezeigt und zum Vergnügen der Besucher gereizt“, so Westphal.
Hahnemann therapierte nur sehr wenige schwer psychisch Erkrankte. An einen sehr gewaltsamen Patienten kam er einfach nicht heran und musste den Fall aufgeben. Aber eine recht gut dokumentierte Behandlung zeigt uns, wie Hahnemann auch jene Patienten fürsorglich behandelte, die schwerste Verhaltensstörungen zeigten. Er handelte nach seinem Motto: „Nie lasse ich einen Wahnsinnigen je mit Schlägen oder anderen schmerzhaften körperlichen Züchtigungen bestrafen, weil es für Unvorsätzlichkeit keine Strafe gibt, und weil diese Kranken bloß Mitleid verdienen und durch solche rauhe Behandlung immer verschlimmert, wohl nie gebessert werden.“
1792 wurde der Staatsbeamte und Autor Klockenbring in Begleitung dreier starker Männer Hahnemanns Behandlung zugeführt. Der Patient befand sich in einem besorgniserregenden Stadium geistiger Umnachtung. Während seiner bisherigen Therapien hatte sich sein Zustand immer weiter verschlimmert.
Hahnemann ging folgendermaßen vor: Zunächst tat er nichts anderes, als seinen Patienten zu beobachten. Dieser hatte ständig Anfälle der Raserei, brach in tosendes Gelächter aus, verfiel in grässliches Gebrüll. Auch nachts lief er ständig auf und ab und brüllte. Alleine gelassen redete er leise vor sich hin. Er zerriss immer wieder seine Kleider und sein Bettzeug, bemalte sein Gesicht… Angeblich aß er manchmal neben anderen Speisen 10 Pfund Brot täglich. Wohl haben diese Völlerei und sein reichlicher Weingenuss die Entwicklung der Krankheit unterstützt.
Hahnemann wendete sowohl Arbeits- als auch Gesprächstherapie an. Er ließ Klockenbring Gedichte schreiben und Klavier spielen. Dieses hatte Klockenbring – wie einiges anderes zuvor – zerlegt und wieder sonderbar zusammengefügt. Durch Geduld und menschliche Zuwendung gewann der Arzt Vertrauen und Zuneigung des Kranken.
Nach Monaten hatte sich der Krankheitszustand so weit gebessert, dass ihn seine Frau besuchen wollte. Hahnemann lehnte das Ansinnen ab, da er einen Rückschlag seiner Therapie befürchtete. Im folgenden Jahr aber durfte die Gemahlin den geheilten Patienten nach Hause holen. Er aß nun recht mäßig und benahm sich recht gefällig.

Dankbar und unter Tränen hatte Klockenbring Hahnemann die Reste der Schwielen von Stricken gezeigt, deren sich frühere Wärter bedient hatten, um ihn in Schach zu halten.

Der Dresdener Schauspieler und Vorstand unseres Vereins ANDREAS JUNG schrieb und spielt diese Episode im Leben des weltberühmten Arztes in seinem Einmann-Stück „Hahnemann und Klockenbring“. Die „SÜDDEUTSCHE ZEITUNG“ beschreibt seine schauspielerische Leistung: „Andreas Jung, dessen Mimik ungeheuer ausdrucksstark war, spielte den irren Klockenbring intensiv. Er brüllte, spuckte, schlug um sich. Kaum wiederzuerkennen war er in der Rolle von Hahnemann, in sich ruhend und würdevoll.“

Hahnemann, der Arzneikundige

Von Siegfried Letzel

Die Arzneikunde war bis zum Erscheinen von Samuel Hahnemann eine reine Erfahrungswissenschaft mit zum Teil überlieferten Kenntnissen, aber auch viel Imaginärem. Die Vorgänge, die sich im menschlichen Körper abzuspielen schienen – in Gesundheit und Krankheit – wurden in Systeme gezwängt, welche von einzelnen Köpfen nach deren Beobachtungen ausgedacht waren.

Bei L. Hoffmann entstanden die meisten Krankheiten durch faule und saure Säfte, die entfernt werden mussten. Laut Kämpf hatten Krankheiten ihren Sitz im Unterleib und wurden durch ‚Infarkte‘ verursacht. Sehr verbreitet war John Browns Philosophie. Er beanspruchte für sich, als erster die Arzneikunde als ‚Lehre der Natur‘ wissenschaftlich gemacht zu haben. Jeder Mensch hatte bei ihm einen bestimmten Grad der Erregbarkeit. Ein richtiges Maß davon versprach Gesundheit. Ein Übermaß (Sthenie) oder Mangel (Asthenie) bedeutete Krankheit. Der Arzt musste die Erregbarkeit regulieren und tat dies mit sthenischen und asthenischen Arzneimitteln. Reizreduzierend waren Aderlass, Kälte, Erbrechen, Abführen, Schwitzen. Sthenische Mittel waren Fleisch, Wärme, Verhinderung des Erbrechens, Purgierens und Schwitzens durch Fleischkost, Gewürze, Wein, Bewegung, oder für stärkere Maßnahmen mit Moschus, Kampfer, Äther und Opium. Anatomiekenntnisse waren von geringerer Bedeutung. Ein Arzt musste demnach am Krankenbett nur drei Dinge wissen: Ist die Krankheit örtlich oder allgemein? Wenn allgemein, dann sthenisch oder asthenisch? Wie stark ist die Ausprägung der Krankheit? Und jetzt braucht es nur noch den Behandlungsplan mit der entsprechenden Arznei/Therapie. Eine Diagnose war überflüssig.

Zeitgleich hatten die Naturphilosophen Hochkonjunktur. Sie erklärten Dinge wie „Magnetismus ist Verwandlung des Sauerstoffs und Wasserstoffs in Kohlenstoff und Stickstoff“, oder „Sauerstoff ist das Prinzip der Elektrizität“. Selbst Alexander von Humboldt war unter den Naturphilosophen.
Mitte des 18. Jahrunderts (Hahnemann war erst geboren) schrieb der Gelehrte Haller: „Das Blut besteht aus gleichen Theilen, ist gerinnbar, umso röther, je besser das Tier genährt ist; in einem schwächlichen, hungrigen Thiere ist es gelblicht….“. 1789, Blumenbach: „Das Blut ist eine Flüssigkeit seiner Art, von bekannter, bald stärkerer, bald schwächerer Farbe, beim Befühlen klebricht, warm und ist unter die Geheimnisse der Natur zu rechnen“. 1803: „Das Blut besteht aus 9 Theilen: Dem riechbaren Stoff, dem fadenartigen Theile, Eiweißstoff, Schwefel, Gallerte, Eisen, Laugensalz, Natrum und Wasser. Die Grundstoffe sind Wasserstoff, Kohlenstoff, Salpeterstoff, Grundstoff der Salzsäure, Phosphor, Schwefel, Oxygene, Kalkerde und Eisen“. Dies war ein aus heutiger Sicht bescheidener, für die damaligen Verhältnisse dennoch enormer Fortschritt in die richtige Richtung.

Ein Prof. Reich erpresste sich vom König von Preußen eine jährliche Pension von beachtlichen 500 Talern, indem er erst dann sein Geheimmittel gegen Fieber verriet. Eine 5-köpfige Familie brauchte damals um die 180 Taler im Jahr. Das Fieber sollte durch das Mittel ‚plötzlich abgeschnitten‘ werden. Im Herbst 1800 wurde es bekannt: Das Fiebermittel bestand aus Schwefelsäure und Salzsäure. Unter Umständen ginge aber auch Salpetersäure… Eine Kommission von Ärzten in der Charité fanden dies ‚probat in einer Anzahl von Fällen‘.

Es gab es zahlreiche bunte Behandlungsmethoden: stärkende, schwächende, antagonistische, restaurierende, adstringierende, relaxierende, derivierende, deobstruierende, resolvierende, antimiasmatische, antiseptische, antigastrische u.a. – mit entsprechenden Arzneimitteln: versüßende, verdünnende, auflösende, verdickende, blutreinigende, kühlende, ausleerende, schleimeinschneidende usw. Oft wurden 8-10 davon in einem Rezept vermischt. So waren Ärzte untereinander sehr verstritten, frustriert und fühlten sich in ihrer Kunst im Stich gelassen. Warum wirkten Arzneien nicht? Und wenn doch, was an der Medizin war heilsam? Warum war die Wirkung des Mittels immer unterschiedlich und unberechenbar?

Hahnemann erging es ja nicht besser. Aber er suchte selbst nach Lösungen aus dem Dilemma. Aus der Chemie wusste er das Prinzip: zwei Arzneimittel gleichzeitig verabreicht haben nicht zwei Einzelwirkungen, sondern eine dritte gemeinsame. So begann Hahnemann in seiner Praxis eine Reform, die er auch in Artikeln medizinischer Journale vorschlug, nämlich immer nur ein Mittel zu verabreichen. Dies war für die einfachen Menschen mit ihren eigenen traditionellen Hausmittelchen schon lange üblich. Hahnemann formte ein System daraus. Er und andere Bereitwillige nahmen REINE, ungemischte Arzneien am gesunden Körper ein (wie schon Dioscorides im 1. Jahrhundert!) und beobachteten die Veränderungen an sich. Als Erster in der Medizingeschichte ergründete er so die REINE Wirkung von Stoffen am Menschen und sammelte die ‚Vergiftungsgeschichten‘. So schrieb er 1805 seine erste, zweiteilige, auf lateinisch verfasste Arzneimittellehre, in der er seine Ergebnisse systematisch auf 739 Seiten akribisch ordnete. Diesen Datenbestand nutzte Samuel Hahnemann für seine neue, auf den Patienten maßgeschneiderte – also individualisierte – Arzneitherapie, die er zeitgleich bis 1810 entwickelte und dann in seinem Organon der rationellen Heilkunde vorstellte.

Hahnemann, der Pharmazeut

Von Siegfried Letzel

Hahnemann als einen der ersten bedeutenden Chemiker haben wir in einem vorangegangenen Artikel bereits kennengelernt. Nun war dies nicht der einzige wissenschaftliche Bereich, in dem er sich als ein Vorreiter entpuppte. Gleich bei vielen Gelegenheiten begann er neue Erkenntnisse aus der Chemie in die Medizin einfließen zu lassen. Und dies betraf zunächst vor allem Medikamente.

1787 schrieb er mit dem Brüsseler Apotheker van den Sande das Buch „Die Kennzeichen der Güte und Verfälschung der Arzneimittel“, das im chemischen Teil und bei den Bestandteilen der Drogen aus Hahnemanns Feder stammt. Die ‚Prüfungsstoffe‘ für die Arzneimittel gibt Hahnemann so gedrängt, treffend und erschöpfend an, wie man es ähnlich auch noch in modernen Pharmakopöen (amtliche Arzneibücher) findet.

Hahnemann beklagte damals bereits die „Unzuverlässigkeit der pharmaceutischen Präparate“ und fragt: „Worauf soll der Arzt sich verlassen?“ Denn jeder Apotheker mischte die Rezepte unterschiedlich, die Qualität der Ausgangsmaterialien war sehr durchwachsen. Und so konnte der Patient am Ende nicht wissen, was er an Arznei tatsächlich zu sich nahm. Hahnemanns Exaktheit und bedingungslose Liebe zu Details ließ ihn neue Erkenntnisse gewinnen. Er forderte eine festgeschriebene Herstellung von Arzneimitteln: „… damit wir doch endlich einmal in der Heilkunst von den Kräften dieses Mittels eine zuverlässige Norm bekommen mögen“. Dies schrieb er bei seiner Forderung für die Herstellung von Brechweinstein (Kaliumantimonyltartrat) – eine als Brechmittel verwendete Arznei zu jener Zeit.

Chemiker waren damals auch auf der Suche nach einem Quecksilberpräparat für die Behandlung von (zumeist syphilitischen) Patienten, welches weniger ätzend und giftig sein sollte als das übliche. Hahnemann fand ein Verfahren für die Herstellung von Mercurius solubilis (viel später erhielt diese Substanz noch den Zusatznamen ‚Hahnemanni’). Diese Arznei war wesentlich verträglicher als die bisherige. Ein Kritiker: “Eines der allerwirksamsten gelinden Mercurialpräparate verdankt die Kunst dem bekannten und dadurch unsterblichen Hahnemann“.

1793 und 1799 erschienen die beiden Bände seines 4-teiligen ‚Apothekerlexikons‘ (über 1200 Buchseiten), ein sehr komplettes Werk. „Der Stoff darin ist alphabetisch geordnet und bespricht alle Gegenstände, welche den Apotheker bei seinen Arbeiten interessieren. Die Darstellung ist kurz, lebendig und anregend. Man findet eine genaue Beschreibung der zweckmäßigsten Einrichtung einer Apotheke und deren Räume. Ebenso sind die einzelnen Utensilien genau und mit großem Sachverständnis beschrieben. Jeder von diesen Artikeln zeigt, wie speziell Hahnemann mit den Arbeiten vertraut ist. Häufig führt er neue, von ihm erfundene oder verbesserte Apparate an, nicht ohne das Verständnis durch Abbildungen zu unterstützen.“ So eine Buchkritik aus dem Jahre 1884.

Erstmalig bekamen die Apotheker sehr präzise Anleitungen für alle Belange ihrer beruflichen Tätigkeit. Das gilt auch für ihre Arbeit in ihren Laboren und mit Rezepten, wobei viele Anweisungen sogar zu gesetzlichen Vorschriften wurden. Seine Sachkenntnis beweist Hahnemann auch an scheinbar Unbedeutendem, denn er war ein Mann der Praxis und kannte die Probleme und Schwierigkeiten der Pharmazeuten. Und so war es kein großer Schritt dahin, dass eine Reihe von Hahnemanns Forderungen, die er in seinem Lexikon untergebracht hat, für die Apothekenverwaltung allgemein angenommen wurden.

In Kraus‘ ‚Medicinischem Lexikon‘ steht: „Hahnemann ist ein anerkannt guter Pharmazeut und hatte sich als solcher durch Darstellung seines sogenannten Mercurius solubilis und zum Theil durch seine Abhandlung über Arsenikvergiftung, wenn gleich nach ihm diese Lehre um ein Bedeutendes vervollkommnet ist, unverwelkliche Lorbeeren erworben.“
Und so hat der Forschergeist und eiserne Fleiß des Torgauers direkt und indirekt wichtige Beiträge zur Verbesserung der ärztlichen Heilwerkzeuge, wie man sie damals nannte, geliefert. Er trug wesentlich dazu bei, Qualität und Verlässlichkeit von Medikamenten, einer der Grundlagen der ärztlichen Kunst, zu verbessern.

Das Apothekerlexikon ist schon ein echtes Meisterwerk. Als unser Verein vor Jahren ein ansonsten vergriffenes Exemplar des Nachdruckes erstand, waren wir ob der Fülle des Werkes fassungslos. So ist es kein Wunder, dass es gut 100 Jahre lang trotz der rasanten Fortentwicklung der Wissenschaften würdige Beachtung fand. Noch heute gelten einige von Hahnemanns Forderungen und Beiträge als pure Selbstverständlichkeit.

Zwischenzeitlich befinden sich beide Bände mit ihren 4 Teilen von 1793-1799 im Original in unserer Sammlung. Wir sind sehr froh, dass nun diese extrem seltenen Bücher für die Besucher unserer Ausstellung leicht zugänglich sind. Und darin sehen Sie eines unserer Vereinsziele: Sicherung und Erhalt der Werke dieses weltberühmten Mediziners!

Hahnemann, der Chemiker

Von Siegfried Letzel

Weshalb gibt es eigentlich heutzutage noch so viel Rummel um einen Samuel Hahnemann, der bereits 1843 das Zeitliche gesegnet hat? Um sich von seinen wissenschaftlichen Leistungen ein Bild machen zu können, müssen wir uns das Weltbild der ‚Gebildeten‘ seiner Zeit vor Augen führen. Hahnemanns Beitrag zur Entstehung der modernen Chemie ist dafür ein schönes Beispiel.

Den Wissenschaftlern des 18. und 19. Jahrhunderts fehlten noch alle Grundlagenkenntnisse in ihren Bereichen und sie mussten erst noch erste Ansätze schaffen, um aus den mittelalterlichen Vorstellungen herauszukommen und rationales Wissen zu schaffen. Die gerade sich entwickelnde Ära der Aufklärung kam Gelehrten wie Hahnemann wie gerufen. Nun ging es weg vom Aberglauben und hin, eigenes Wissen zu schaffen – unter Gebrauch des eigenen Verstandes!

In der Chemie galten noch die Lehren eines Joh. Joach. Bechers (1636-1682) und G. E. Stahls (1660-1734) und damit die Lehre des Phlogiston. Nach Prof. Neumann war dieses das brennbare Prinzip, ohne das nichts auf der Welt brennen kann. Schwefel bestand demnach aus Schwefelsäure und Phlogiston. Holz war Asche plus Phlogiston (Bei der Verbrennung von Holz entflüchtete das Phlogiston und Asche blieb zurück). Wasser war „nichts als eine von der Wärme flüssig gemachte durchsichtige Erde, die man Eis nannte. Es besteht aus vier Elementen: terra vitrescens, terra mercurialis, terra sulfurea und terra inflammibilis.“ Und jener Neumann war zu Zeiten Hahnemanns eine absolute Autorität!
Man war damals also noch auf der Suche nach dem „Grundwesen“ der Körper, den Elementen.
Antoine Laurent de Lavoisier machte endlich den alten ‚Ergrübelungen‘ gegen heftigsten Widerstand ein Ende. Nach ihm verwandelte sich Wasser nicht in Erde, sondern bestand aus Wasserstoff und Sauerstoff. Er zeigte, dass der Oxidationsprozess von Metallen das ‚Einschlucken‘ von Sauerstoff war.
Hahnemann veröffentlichte zu dieser Zeit Artikel in Crell’s Chemischen Annalen. Dabei ging es z.B. um den Einfluss einiger Luftarten auf die Gärung des Weines, über Weinproben von gepanschtem Wein auf Eisen und Blei, um Bereitungsarten von auflöslichem Quecksilber und einiges mehr.
Mit Lavoisier wollte Hahnemann Untersuchungen durchführen, um eine Entscheidung zur Frage zum Phlogiston herbeizuführen. Leider kam es wegen des Ausbruchs der Französischen Revolution nicht mehr dazu, in deren Verlauf Lavoisier unter der Guillotine endete (1794). 1799 erst wurde Lavoisier von den meisten ‚Scheidekünstlern‘ anerkannt. Zu diesem Zeitpunkt war Hahnemann schon viel weiter.
In Sachen Chemie war Hahnemann zwangsläufig Autodidakt. Er übersetzte 1784 zwei Bände von Demachys Werk zur fabrikmäßigen Herstellung chemischer Produkte in die deutsche Sprache. Mit seinen Anmerkungen verbesserte er dieses Werk bedeutend. Dabei war Demachy Mitglied der wissenschaftlichen Akademien zu Paris und Berlin. Hahnemann zeigte erstaunliche Kenntnis in allen Fragen des Buches. Erschöpfend zeigt sich seine Literaturkenntnis die er zum besseren Verständnis des Originalwerkes einsetzte. Oft erklärt er chemische Vorgänge genauer, oder er verbessert Irrtümer und Fehler.
Im Jahre 1786 gibt Hahnemann das Buch „Ueber die Arsenikvergiftung, ihre Hülfe und gerichtliche Ausmittelung“ heraus. Diese für jene Zeit klassische Schrift enthielt laut dem Arzt Bergrath Dr. Buchholtz in Weimar „die besten Arsenikanalysen, die in die gerichtliche Medizin eingeführt wurden“.
Hier schon gehört Hahnemann zu den ersten Vorreitern überhaupt, die dazu beitrugen, die neuesten Kenntnisse zur Chemie in der Medizin zu verwerten. Und dieses tat er sehr erfolgreich, wie wir in unserem nächsten Artikel noch sehen werden.
Unsere Ausstellung zeigt ein seltenes Juwel aus jener Zeit. Es handelt sich hierbei um eine Ausgabe von Crell’s Chemischen Annalen aus dem Jahre 1789. Hierin schreibt Hahnemann 2 Artikel, den Ausführlicheren über „Die Entdeckung eines neuen Bestandtheils im Reißbley“ (Graphit). Unmittelbar vor Hahnemanns Schrift findet sich auch eine von Antoine Lavoisier: „Betrachtungen über das brennbare Wesen zur Entwicklung der Theorie vom Verbrennen und Verkalken“. Wer will jetzt noch Zweifel daran hegen, dass Dr. Samuel Hahnemann nicht in der Topriege der weltbekanntesten Chemiker seiner Zeit geforscht habe? Und damit war er noch weit am Anfang seiner wissenschaftlichen Studien …

Hahnemann, ein unermüdlicher Mensch

Von Siegfried Letzel

Der jüngere Samuel Hahnemann hat in seinem Leben fast alle Schritte mit Entbehrungen erkaufen müssen. Diese formten einen schmächtigen, sehnigen aber kerngesunden Menschen, der wie aus hartem, beständigen Holz geschnitzt war. Und so konnte er bis ins hohe Alter unermüdlich tätig bleiben und sogar bis zuletzt im 88. Lebensjahr eine sehr erfolgreiche Arztpraxis führen.

Hahnemanns Gesichtsausdruck wird als fesselnd und bestrickend beschrieben. Seine schon früh entstandene hohe Stirn – seine Haarsträhnen umwallten nur noch Schläfen und Hinterhaupt – unterstrich die Physiognomie eines Denkers. Seine tief unter die Stirn eingegrabenen Augen blickten hell und eindringlich und bedurften nie korrigierender Augengläser. Sein Gesichtsausdruck zeigte ‚natürliche Milde, aber auch unerbittlichen, klaren Ernst, durchleuchtet von einem Strahl hingebender Liebe und Dienstbereitschaft den Menschen gegenüber‘. Er hatte fast frauenhaft zarte Hände, aber eine in ihrer Festigkeit, Geschlossenheit und Gleichmäßigkeit ausgesprochen männliche Charakterhandschrift durch und durch.
Seine Sparsamkeit zeigte sich in der Wahl des einfachen, billigen Papiers.
Er füllte die Seiten von oben bis unten, ließ niemals größere leere Räume frei. Seine Niederschriften sind reinlich und sauber, Änderungen und Verbesserungen selten. Dies ist ein Beweis für seine Konzentrationsfähigkeit verbunden mit der Schärfe und Klarheit seiner Gedanken bei völliger Beherrschung und Durchdringung des Stoffes, über den er schrieb.
Zeile ist eng an Zeile gereiht, jede davon geht schnurgerade über das Blatt Papier.
Durch die Rauheit des Papiers und der Kleinheit seiner Schrift konnte er nur ungespaltene Federkiele verwenden. Erst 1833 scheint er zu Stahlfedern übergegangen zu sein.

Wir beherbergen eine äußerst seltene Handschrift Hahnemanns mit wissenschaftlichem Text – so, wie sie auf dem Antiquitätenmarkt fast nie angeboten wird.


Dieses hier abgebildete Blatt hat eine Größe von 17,5 x 21,5 cm. Die Schriftgröße lässt sich anhand der Stecknadeln neben der Überschrift abschätzen. Und so schrieb Hahnemann viele tausend Seiten.

Die zwei Seiten, die das Hahnemannzentrum verwaltet, entstammen dem Manuskript für den 6. Band seiner Reinen Arzneimittellehre, 2. Auflage, das er zwischen 1822 und 1827 verfasst hat. Übrigens galten die Manuskriptseiten für die Arzneien Wütherich und Zinn als verschollen bzw. verloren. Dieses von Zinn ist das einzige, dessen Verbleib bekannt ist. Das alleine schon bezeugt den historischen Wert dieses Schriftstücks.

Zurück zu Hahnemann: Er war auch sparsam an leiblichen Genüssen. Auch während seiner wohlhabenden Zeit erlaubte er sich dünnes, süßliches Bier und sein Pfeifchen. Wein, Kaffee oder Tee trank er nur selten. Ansonsten schien er sich mit seiner Arbeit jung zu halten. So schrieb er einmal: „Spät abends legt man sich todmüde zur Ruhe und steht nach kurzem Schlaf morgens frisch und gestärkt zu neuer Arbeit auf.“
Der englische Arzt Dr. Dudgeon schrieb einmal: „Von seinem Bienenfleiß können wir uns erst eine richtige Vorstellung machen, wenn wir uns vergegenwärtigen, dass er etwa 100 verschiedene Arzneimittel prüfte, dass er annähernd 70 Originalarbeiten über Chemie und Medizin verfasste, von denen etliche mehrere stattliche Bände umfassen und dass er 24 teilweise mehrbändige Werke aus dem Englischen, Französischen, Italienischen und Lateinischen übersetzte, die sich mit Chemie, Arzneikunde, Agrikultur und allgemeiner Literatur beschäftigten. Und das alles neben seinem Arztberuf und seiner Tätigkeit als Lehrer!“
Dabei hatte Dudgeon keinen Einblick in die zahlreichen und stattlichen Bände der Krankenjournale Hahnemanns und seiner Repertorien, auch nicht in die noch heute unübersehbare Zahl der Krankenbriefe, die bei ihm einliefen und die er alle las, mit der kurzen Inhaltsangabe seiner Antworten versah und ausführlich beantwortete.
Hahnemann war ein seltener Meister seiner Muttersprache, die dem Stil der klassischen deutschen Literatur entspricht. Im hohen Alter dann wurde Hahnemanns Sprache schwerfälliger und schwulstiger. Typisch waren die ungemein langen Sätze mit häufigen Zwischensätzen und erklärenden Einfügungen. Seine Satzgebilde waren kompliziert, unübersichtlich und schwer verständlich. Außer in seinen Briefen: sie waren sprachrichtig verfasst und leicht und flüssig zu lesen.

Gefundenes Glück auf Zeit

Von Siegfried Letzel

Torgau. Wir befinden uns in einer verlassenen, mit Kopfsteinen gepflasterten Gasse. Beiderseits stehen die im gotischen Baustil errichteten Häuser unmittelbar nebeneinander. Die meisten sind recht betagte, zweistöckige Giebeldachhäuser. Ihre Fenster sind geschlossen. Der Geruch von Rauch, Kuh-, Schweine-, Pferde-und Hühnermist umweht uns mal stärker und mal schwächer wo auch immer wir uns hier befinden. Der Rauch aus den Kaminen verleiht den Häusern ein Aussehen, das jeden melancholisch werden lässt, der nicht durch einen längeren Aufenthalt bereits daran gewöhnt ist. Die Straßen sind leer, obwohl wir nahe am Stadtzentrum sind. Nur ab und zu begegnen wir jemandem. Die Leute grüßen freundlich, während sie an uns vorbei und ihrem Ziel entgegeneilen. Es ist kalt und wir haben Winter.

Es ist Dezember und nur noch knapp eine Woche bis Neujahr. Wir schreiben das Jahr 1804. Obwohl die Stadt recht groß und weitflächig angelegt ist, leben hier keine 6000 Einwohner. Die Stadt ist fast gänzlich vom Wasser der Elbe eingeschlossen … Plötzlich unterbrechen das Schlagen von Pferdehufen auf das Straßenpflaster und das Klappern von Kutschen und Karren die Stille.

Eine kleine Prozession kommt die Gasse herauf und hält vor einem der größeren Häuser an. Obwohl dieses in der Altstadt erbaut war, war es immer noch eines der ältesten Gebäude in der Umgebung. Die Lage scheint perfekt zu sein: Es sind nur wenige Schritte zu Kirche, Schloss und Rathaus. Die Geschichte des Anwesens reicht bis ins Jahr 1447 zurück und es ist als „Kurfürstliches Freihaus“ bekannt. Dokumente belegen, dass es hier schon vor dem katastrophalen Stadtbrand 1442 ein Haus gegeben haben muss. Man kann sich also gut vorstellen, dass dieses Anwesen schon im Jahre 1804 sehr alt und historisch gewesen ist.

Vor dem Haus sehen wir neben ein paar Helfern einen 50-jährigen, aristokratischen Herrn. Neben ihm seine Frau, 41 Jahre, und sieben Kinder zwischen 5 und 21 Jahren. Das Familienoberhaupt heißt Dr. Samuel Hahnemann, der neue Besitzer des Hauses. Er war von hagerer Gestalt und man sah ihm an, dass er nicht ‚auf fettem Boden‘ gewachsen war. Er war ein sehniger, kerngesunder Mensch. So klein und dürftig die äußere Erscheinung war, so offenbarte sie doch sofort – in der Haltung auf der Straße wie im Rahmen des eigenen Hauses gegenüber Besuchern und Kranken – die ungewöhnliche Würde und den überragenden Wert der Persönlichkeit.

Drei Räume und vier Kammern wird er im neuen Heim für seine Familie nutzen; eine Stube und eine Kammer (zusammen 60 m²) werden zu seiner Arztpraxis gehören. Die Wohnräume seiner Familie genügen einem Leben in beengten Verhältnissen.

Hahnemann verbringt in seinem Haus in Torgau die vermutlich glücklichsten und kreativsten Jahre seines Lebens. Seine Familie wird 1805 und 1806 um 2 Kinder reicher. Er fühlte sich im Kreise seiner Familie immer am wohlsten, zeigte seine liebenswürdigste Neigung zu Frohsinn und Heiterkeit. Mit seinen Kindern scherzte er in der Zeit, die er ihnen widmen konnte, sang den Kleinen Wiegenlieder vor, dichtete ihnen Liedchen. Jedoch traf die Familie in Torgau auch ein schwerer Schicksalsschlag: 1807 verstarb die 16-jährige Tochter Karoline.

1811 wird Dr. Hahnemann die Stadt mit seiner Familie wieder verlassen. Hauptgrund wird ein sich immer mehr annähernder Krieg sein. Torgau wird zu einer Festung ausgebaut. Das Stadtbild verändert sich völlig durch den Bau neuer Festungswälle. Stadtmauern und –tore werden abgerissen, auch viele Häuser und zwei Kirchen. Nun können sich Feinde nicht mehr ungesehen der Stadt nähern. Die Festung umschließt die Stadt mit mehreren Festungswällen, Verschanzungen, Mauern und Kasernen. Dr. Hahnemann weiß, dass er nicht mehr für die Sicherheit seiner Familie bürgen könne. Und damit hat er so recht: 1813 treffen die Stadt Torgau Belagerung, Beschuss, Bombardierung und Epidemien. Etwa 30 000 französische Soldaten und 1122 friedliche Einwohner verlieren ihr Leben.

Der Stich zeigt Hahnemann mit zwei seiner Kinder auf einer Couch.
Der Druck ist einer französischen Zeitschrift über Kunst entnommen, die 1856 veröffentlicht wurde und eine Kurzbiografie Hahnemanns enthielt.